Thomas Flinspach

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Subscription Tour München 2026: Was mich wirklich überrascht hat

Vor rund drei Wochen war ich auf meiner insgesamt dritten Subscription Tour. Dieses Mal fand dieses grandiose Event in der wunderschönen Stadt München statt. Die Kombination aus spannenden Vorträgen und dem Austausch mit den anderen Teilnehmenden, ist jedes Mal Gold wert.

Das Lineup der diesjährigen Tour war bunt gemischt: Ein traditionsreicher Fachverlag mit einem frischen KI-Produkt, ein Fitness-App-Anbieter, ein Medienhaus mit langer Abo-Tradition, ein Pricing-Experte und ein Deutscher Referral-Anbieter. Was auf den ersten Blick wenig gemein hat, ergab am Ende ein erstaunlich kohärentes Bild über den aktuellen Stand der Subscription Economy in Deutschland. Hier sind meine persönlichen Highlights.


C.H.Beck / Beck-Noxtua: KI für Juristen – aber bitte europäisch

Dr. Roland Klaes und Mark Schneider vom Verlag C.H.BeckQuelle: Lennart Schneider
Dr. Roland Klaes und Mark Schneider vom Verlag C.H.Beck

Dr. Roland Klaes und Mark Schneider vom Verlag C.H.Beck haben den Auftakt gemacht – und das mit einem Thema, das gerade in der Legal-Tech-Welt für ordentlich Bewegung sorgt: einer eigenen KI-Plattform für Anwälte, Kanzleien und Behörden namens Beck-Noxtua.

Die Ausgangslage ist klar: Der Markt für KI-Tools in der Rechtsbranche wächst rasant, und wer jetzt nicht mitmacht, verliert das Rennen. Aber – und das war der Kernpunkt des Vortrags – Schnelligkeit allein reicht nicht. Gerade im Rechtsbereich zählen drei Dinge über alles: hochqualitativer Fachcontent, absolute Rechtssicherheit und europäischer Datenschutz. Genau hier setzt C.H.Beck an. Der Tech-Stack ist konsequent souverän aufgebaut: Anwendung, ein EIGENES LLM, Daten aus beck-online und Security & Compliance als Fundament – gehostet auf IONOS und der Telekom Open Cloud. Alles europäisch, alles DSGVO-konform. Das ist in einem Markt, der von amerikanischen Hyperscalern dominiert wird, ein echter Differenzierer.

Was mich besonders interessiert hat, war die Produktentwicklungs-Strategie mit Bestandskunden als Beta-Nutzern. Statt das Produkt im stillen Kämmerlein zu bauen und dann auf den Markt zu werfen, werden tech-affine Kanzleien aktiv in den Entwicklungsprozess eingebunden – als Beta-Tester, als Co-Developer, später als Botschafter. Das ist nicht neu, aber in einem so konservativen Markt wie Legal Tech besonders klug: Die Kunden werden zu Multiplikatoren, bevor das Produkt überhaupt offiziell live ist.

Das Pricing war für mich eine der überraschendsten Informationen des Tages: 200–300 Euro pro Nutzer/Monat ist der aktuelle Marktpreis im Legal-Tech-Bereich. Beck-Noxtua zielt auf einen Premium-Preis von 400 Euro, bietet Early Adoptern aber 220 Euro an. Das ist mutig – und gleichzeitig ein Lehrbuchbeispiel für das, was Prof. Bauer später am Tag „Preis als Kommunikationsinstrument“ nennen sollte. Der Early-Adopter-Preis schafft Dringlichkeit, belohnt Mut und erzeugt Commitment.

Go-Live war bereits im November 2025. Der Rollout begann mit Kanzleien und Unternehmen, kleinere Kanzleien folgen nun. Community Building spielt dabei eine zentrale Rolle: Newsletter, LinkedIn-Kanäle, eine Beck-Noxtua Academy und geplante User Groups sollen nicht nur Awareness schaffen, sondern echten Austausch fördern.


Behavioral Pricing: Die Psychologie des Bezahlens

Florian Bauer AccentureQuelle: Lennart Schneider
Prof. Dr. Florian Bauer, Accenture Strategy

Prof. Dr. Florian Bauer von Accenture Strategy hat die akademische Seite beigesteuert – und er hat es geschafft, Verhaltensökonomie so praxisnah zu verpacken, dass ich mehrfach nickend dagesessen habe.

Ein Beispiel, das hängengeblieben ist: Ein Autoversicherer hatte ein Bundle aus sechs Leistungen. Die Abschlussrate lag bei 13%. Nach der Reduktion auf drei Kernleistungen: 27%. Weniger ist im Subscription-Kontext oft mehr – nicht weil Kunden keine Auswahl wollen, sondern weil zu viele Optionen lähmen und Unsicherheit erzeugen.

Der Wechsel vom Preis-Leistungs-Verhältnis zum Preis-Nutzungs-Wert-Verhältnis war für mich DER Aha-Moment des Tages. Nutzer bewerten den Preis nicht am Marktvergleich, sondern daran, wie oft und wie intensiv sie das Produkt tatsächlich nutzen. Wer täglich trainiert, öfters die Kurse besucht und die Massageliege nutzt, zahlt gerne 80 Euro pro Monat an das Fitnessstudio. Wer nur alle 6 Wochen die Geräte benutzt, kündigt – egal wie günstig der Preis objektiv ist.

„Man muss Kunden entschieden machen!“

Das Herzstück seines Vortrags war das Konzept der selbstreferenziellen Portfolio-Struktur: Wer sein Angebot so aufbaut, dass der Nutzer nicht mehr fragt „Nehme ich das überhaupt?“, sondern nur noch „Welche Variante nehme ich?“, hat das Verkaufsgespräch schon gewonnen. Der Shift von „ob“ zu „welches“ ist alles.

Besonders überzeugend: Das Beispiel eines skandinavischen Medienhauses, das durch konsequente Portfolio-Differenzierung den MRR pro Kunde um 45% gesteigert und preisbedingten Churn um 42% reduziert hat. Preis ist kein Kostenfaktor – Preis ist ein Kommunikationsinstrument. Und wie man ihn kommuniziert, entscheidet manchmal mehr als der Preis selbst.

Florian Bauer hat auch einen Punkt gemacht, der mir als Product Manager zu denken gibt: Preisakzeptanz ist kein fixer Wert, sondern ein Muskel, den man trainieren kann. Wer seine Nutzer nie mit Preiserhöhungen konfrontiert, erzieht sie zur Niedrigpreiserwartung. Netflix hat das über Jahre hinweg mit geschickter Portfolio-Erweiterung gemacht – und trotz massiver Preiserhöhungen kaum Kunden verloren.


Süddeutsche Zeitung: Der Flywheel und der Podcast, der alles verändert hat

Quelle: Lennart Schneider
Dominic Grzbielok, Head of Paid Content, Süddeutsche Zeitung

Dann ging es mit dem Bus weiter in das Verlagshaus der Süddeutschen Zeitung. Und hier hat Dominic Grzbielok, Head of Paid Content, den wohl detailreichsten Vortrag des Tages geliefert.

Die SZ hat über 17.000 Plus-Artikel im Jahr 2025 produziert – 35% aller eigenen Artikel. Das Ziel für 2026: 39%. Doch das eigentlich Spannende war nicht die Quantität, sondern die Qualitäts- und Format-Strategie dahinter.

Die große Überraschung: Ein True-Crime-Podcast hat 2025 mehr zur Neuabonnenten-Gewinnung beigetragen als fast alles andere. „Die Jägerin“ war für 30% aller neuen SZ Plus-Abonnements verantwortlich. Das zeigt, wie weit sich das Verständnis von Subscription Content mittlerweile vom klassischen Zeitungsartikel entfernt hat. Audio ist für die SZ nicht mehr Nice-to-have, sondern strategische Waffe – 23 Plus-Podcasts bis Sommer 2025, und ab 2026 auch Apple-Support für paywalled Podcasts.

Beeindruckend war auch der Mut zur Kooperation: Die Partnerschaft mit dem Atlantic (5 Artikel pro Woche, Newsletter, Live-Events) bringt Content, der dreimal häufiger gelesen wird als das Streiflicht. Zwei journalistische Kulturen, die zusammen mehr Wert schaffen als jede für sich.

Dann die Retention-Moves, die ich so nicht auf dem Radar hatte: Rätsel und Puzzles sind das meistgeliebte neue Produkt der letzten Jahre – mit kontinuierlichem Wachstum und eigenem App-Tab. Wordle-Launch = Spike in täglich aktiven Abonnentinnen und Abonnenten. Und der Kicker+ Bundle für sportaffine Nutzer zeigt signifikant positive Retention-Effekte nach sechs Monaten.

Das Flywheel-Mapping war methodisch das Sauberste, was ich an dem Tag gesehen habe: Alle Initiativen werden auf die vier Phasen der User Journey gemappt (Attract, Convert, Engage, Retain). Kein Feature ohne klare Einordnung. Kein Content ohne strategische Funktion. So sieht Product Management für Subscriptions aus.


Cello: Referral Programs als unterschätzter Wachstumskanal

Quelle: Lennart Schneider
Julia Kleber, Founding GTM bei Cello


Anschließend referierte Julia Kleber, Founding GTM bei Cello, einem Münchner Startup, das sich auf die technische Umsetzung von Referral-Programmen spezialisiert hat – quasi „Referrals on Autopilot” als SaaS-Lösung. Ihr Vortrag hatte eine klare These: In einer Welt, in der KI alle traditionellen Acquisition-Kanäle unter Druck setzt, wird Distribution zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil – und Empfehlungen von echten Menschen sind das wertvollste Signal übrig geblieben.


Das Argument ist stärker als es auf den ersten Blick klingt. Die Zahlen aus ihren Slides waren ernüchternd: Websites, die auf Google Platz 1 rankten, haben durch KI-generierte Zusammenfassungen fast 79% ihres Search-Traffics verloren. Cold-Calling-Verbindungsraten sind von ~54% (2024) auf 20% (2025) gefallen. LinkedIn-Reply-Raten sind in den letzten sechs Jahren um 45% gesunken. Cello nennt das den „AI Product-Channel-Fit Collapse”: KI generiert so viel Content und Outreach, dass alle klassischen Kanäle im Rauschen versinken. Was bleibt? Der menschliche Social Proof.


Die Qualität von Referral-Kunden ist dabei beeindruckend belegt: 3–5x höhere Conversion Rates, 25–50% weniger Churn und 16–20% höherer LTV im Vergleich zu Kunden aus anderen Kanälen. Das sind keine Theorie-Zahlen, sondern Ergebnisse aus Cellos eigenem Kundenstamm – darunter Typeform, HometоGo und Plancraft, die teils über 10% ihres monatlichen ARR-Wachstums direkt auf Referrals zurückführen.


Was ich besonders spannend fand, waren die Best-Practice-Details zur Umsetzung. Cello hat aus den Daten ihrer Kunden vier kritische Phasen eines Referral-Programms destilliert – von Activation über Sharing bis zu Signup und Purchase – mit konkreten Conversion-Benchmarks für jede Stufe. Drei Hebel stechen heraus:
Discoverability ist der größte Einzelhebel: Wer den Referral-Launcher an einer prominent sichtbaren Stelle im Produkt platziert (statt ihn in einem Untermenü zu verstecken), steigert die wöchentlichen aktiven Referrer um das 2,5- bis 3,5-fache. Das klingt trivial – ist es aber nicht, denn die meisten Teams verstecken das Feature aus Angst vor einer „zu werblichen” Wahrnehmung.


Timing ist der zweite kritische Faktor: Wer neue Nutzer beim ersten Login auf das Referral-Programm hinweist, erzielt eine bis zu 10x höhere Activation-Rate als bei einem Hinweis sechs Tage später. Das Momentum des ersten Nutzungserlebnisses ist flüchtig.
Personalisierung der Landing Page erhöht die Signup-Conversion erheblich: Wenn der Name des Empfehlungsgebers auf der Landing Page erscheint, steigt das Vertrauen in den Link – und damit die Conversion. Der Unterschied zwischen einem anonymen Rabatt-Link und „Tobias gibt dir 50% Rabatt” ist psychologisch enorm.


Der Vortrag hat mich auch deshalb angesprochen, weil er das Thema Referral aus dem Schmuddeleck des „Bring-a-Friend”-Marketings geholt hat. Ein gut umgesetztes Referral-Programm ist kein Gimmick, sondern ein messbarer, skalierbarer Wachstumskanal – vorausgesetzt, man betreibt ihn mit der gleichen Sorgfalt wie SEO oder Paid Ads.

Freeletics: Wenn Product und Marketing aufhören zu streiten

Quelle: Lennart Schneider
Ellie Majewski-Hughes und Confidence Udegbue von Freeletics

Dann nochmals rein in den Bus und rüber zu Ellie Majewski-Hughes und Confidence Udegbue von Freeletics in einem sehr großzügigen und gemütlichen Space. Gleich zu Beginn haben beide das Thema Kollaboration zwischen Product und Marketing aufgemacht. Freeletics hat wahnsinnige 60 Millionen Nutzerinnen und Nutzer weltweit und gewinnt monatlich über 17.000 neue zahlende Abonnentinnen und Abonnenten.

Ihr Kernargument: In der Subscription Economy können Product und Marketing nicht mehr getrennt voneinander arbeiten. Das klingt erstmal banal – hört man ständig. Aber die Art, wie sie das aufgedröselt haben, fand ich sehr ehrlich. Marketing bringt die Nutzer, Product sorgt dafür, dass sie bleiben. Wenn beides nicht abgestimmt ist, verpufft der Acquisition-Aufwand nach spätestens einem Monat.

Was mich besonders angesprochen hat: Die Betonung der Decision Architecture beim Checkout. Es geht nicht nur darum, was du anbietest, sondern wie du es präsentierst. Freeletics nutzt einen Build-your-own-Konfigurator, der Nutzer mit einem „Outside-in“-Ansatz durch ihre eigenen Bedürfnisse führt – statt ihnen ein vorgebautes Paket hinzustellen. Das Ergebnis: Höhere Conversion, weil die Nutzer das Gefühl haben, selbst entschieden zu haben.


Playboy Deutschland: Bezahlinhalt als Brücke, nicht als Mauer

Quelle: Lennart Schneider
Yannic Riegger, Head of Digital Product Management bei Playboy Deutschland

Yannic Riegger, Head of Digital Product Management bei Playboy Deutschland, hat dann mit seinen Vortrag, der mich vor allem wegen seiner Offenheit überrascht hat, wunderbar abgarniert. Das Unternehmen hat sich – wie viele Medien – über Jahre durch verschiedene Paywall-Modelle gekämpft.

Der Ausgangszustand war ernüchternd: Eine strikte Hard-Paywall mit separaten Produkt-Silos (Website einerseits, Premium-Content andererseits) und wenig Anreiz für Nutzer, den Weg vom kostenlosen Bereich ins Bezahlmodell zu finden. 8.000 Abonnentinnen und Abonnenten sind für ein großes Medienhaus schlicht zu wenig.

Die neue Strategie setzt auf ein gestuftes Modell: Von der Registrierungswall über eine Plus-Wall bis hin zu All-Access. Drei Preisstufen (Basis, Wochenende, Komplett) erlauben es, unterschiedliche Nutzungstypen anzusprechen. Besonders klug fand ich den Pricing-Kniff: Die wöchentliche Kommunikation (€3,99/Woche statt €14,99/Monat) hat eine deutlich bessere psychologische Akzeptanz – auch wenn man aufs Jahr gerechnet sogar mehr zahlt. Der wahrgenommene Einstiegspreis entscheidet.

Interessant war auch der BILD+ Cross-Bundle, der mittlerweile 7% aller Bestellungen ausmacht. Kooperationen über Verlagsgrenzen hinweg als Wachstumshebel – das ist strategisch mutig und zeigt, dass das Denken in Abo-Ökosystemen an Fahrt gewinnt.


Was ich mitnehme

Die Subscription Tour München 2026 hat mir ein Bild bestätigt, das ich schon länger habe: Der Markt wird reifer, die Modelle werden differenzierter, und der Unterschied zwischen gut und sehr gut liegt immer öfter nicht mehr im Produkt selbst – sondern in der Entscheidungsarchitektur, dem Portfolio-Design und der Fähigkeit, Nutzerverhalten aktiv zu gestalten.

Drei Thesen, die ich mit nach Hause nehme:

  1. Preis ist Kommunikation. Wie man einen Preis zeigt, entscheidet mehr als der Preis selbst. €3,99/Woche schlägt €14,99/Monat – auch wenn der Jahrespreis höher ist.
  2. Weniger Optionen, mehr Conversion. Selbstreferenzielle Portfolios führen Nutzer vom „ob“ zum „welches“. Wer zu viel anbietet, überfordert. Und bitte nicht alle Pläne auf einmal offerieren, sondern immer zum richtigen Zeitpunkt der richtigen Zielgruppe (geht auch bei In-app-purchases).
  3. Subscription Content ist längst mehr als Artikel. Podcasts, Puzzles, Events und auch Kooperationen – die SZ zeigt, dass das Bundle das Produkt ist.

Ich freue mich jetzt schon auf das vierte Mal und die dann auch jedes Mal herausragende Organisation durch Lennart Schneider (dessen Podcast „Subscribe Now“ ich nur wärmstens empfehlen kann) und die Deutsche Fachpresse (Yvonne Barnes und Stephanie Hönicke)♥️

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