Für jeden Regisseur gibt es 1000 Möglichkeiten ein Drehbuch filmisch umzusetzen. Der kreative Handlungsspielraum ist aber bei einer literarischen Vorlage eingeschränkter, weil man zum einem dem Autor gerecht werden und zum anderen die Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser befriedigen möchte.
Christopher Nolan hat sich in diesem Fall dazu entschieden, sehr stringent sich an der Erzählstruktur von Homer zu halten. Diese Struktur ist nicht auf die Erzeugung von Spannung ausgelegt, sondern es geht darum, die verschiedenen Stationen vorbeiziehen zu lassen, also sehr oberflächenhaft. Die Szenen sollen für sich stehen. Und natürlich ist diese Erzählung prädestiniert für Nolan, da sie nicht chronologisch aufgebaut ist, sondern immer wieder in der zeitlichen Abfolge hin und her wechselt. Er spielt ja ungemein gerne mit. der Zeit. Und es wird auch klar, weshalb er dieses Werk für so herausragend erachtet hat, um es nochmals für die große Leinwand umzusetzen: Es gibt an vielen Stellen wichtige Impulse auf unsere aktuelle Debattenkultur (z.B. Emanzipation und Rollenbild der Frau oder wie schwer es ist, das Richtige zu tun, ohne dabei etwas Schlechtes auszulösen).
Darüber hinaus gibt es natürlich auch in der filmischen Umsetzung nicht viel zu mäkeln. Die schweren IMAX-Kameras sorgen natürlich für fantastische Bilder, obwohl ich gestehen muss, dass ich den Film nicht im IMAX angeschaut habe, beziehungsweise auf 70 mm. Nolan wird mich genau deshalb mit dieser Rezension nicht ansatzweise für ernst nehmen können.
Drei Szenen sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil sie schauspielerisch, erzählerisch oder technisch fantastisch umgesetzt wurden:
- die Höhlen-Szene mit dem Zyklop, die am meisten Spannung erzeugte
- die Szene mit der Hexe Kirke, die von Samantha Morton fantastisch gespielt wird und die Umsetzung der Verwandlung von Odysseus‘ Männern in Schweine
- und die Szene mit den Sirenen, die Nolan nur auf die einzig sinnvolle Art und Weise umgesetzt hat, nämlich so, dass der Betrachter durch das Versiegeln der Ohren sich hautnah in Odysseus‘ Qualen hinein fühlen kann
Nun aber zu den Dingen, die mir nicht gefallen haben
Dazu gehört in erster Linie, dass mir es fast die komplette, Spielzeit über nicht gelungen ist, eine Bindung zum Protagonisten aufzubauen. Bis auf die oben erwähnten Szenen gabe es ein fortwährendes Vakuum zwischen mir und der Leinwand. Was ich in erster Linie der Erzählstruktur zur Last lege. Dieses ständige zeitliche Vor und Zurück, Hin- und Herwechseln der Charaktere hat mich dieses Mal sehr aus der Handlung herausgerissen. Dabei wird auch sehr, sehr lange dialoglastig erzählt. Es fehlt ein Antagonist, der Ausstrahlung und eine Präsenz versprüht. Das hätte eigentlich, Antinous sein sollen, der von Robert Pattinson gespielt wird, mit dem ich schon seit einiger Zeit meine Probleme habe. Darüberhinaus sind viele Shots einfach zu dunkel geraten und die Action Sequenzen sind auch nicht so mitreißend und fesselnd, wie man sie schon selbst im Streaming Bereich (z.B. House of the Dragon S3) gesehen hat -also auch ohne IMAX-Kameras kann man durchaus einen WOW-Effekt erzeugen.
Irgendwie hat bei mir der Nolanismus eine gewisse Sättigung erreicht. Das ist leider die logische Konsequenz, wenn man seinen Stil, Erzählstruktur und seine Ästhetik gefunden hat und dies immer und immer wieder konsequent durchzieht. Ich denke, dass nun der Peak erreicht ist und sich Nolan bei seinem nächsten Projekt teilweise neu erfinden muss, um weitere Abnutzungstendenzen bei seinem Publikum zu vermeiden.


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